Sonntag, 28. Oktober 2012

Idul Adha - das islamische Opferfest und ich

Am Freitag war das wichtigste religiöse Fest in der islamischen Welt - Idul Adha - das islamische Opferfest, das im Monat Dhu - I - Hidscha (letzter Mondmonat im islamischen Kalender) stattfindet. Es bildet den Höhepunkt der Haddsch- Wallfahrt nach Mekka. Idul Adha findet am letzten Tag des Haddsch statt und an den darauf folgenden drei Tagen/ Tage des Tashriq werden Tiere geopfert. Haddsch stellt die letzte der fünf Säulen des Islams da. Nach Schahada (Bekenntnis), Salat (Gebet), Zakat (Almosensteuer), und Saum (Fasten), sollte, Gesundheit und finanzielle Mittel vorrausgesetzt, jeder Muslim einmal im Leben zum religiösen Mittelpunkt der islamischen Welt, Mekka, pilgern und dort die Riten der Wallfahrt vollziehen.  Dies ist in Sure 3, Vers 97, des Al Qur'ans/Korans, der 114 Suren umfasst, festgelegt. "...und die Menschen sind Gott gegenüber verpflichtet, die Wallfahrt nach dem Haus zu machen, soweit sie dazu eine Möglichkeit finden."
Idul Adha erinnert an die Geschichte des Propheten Ibrahim (Abraham), der zwei Söhne, Ismail und Isaak hatte. Eines Tages erschien Ibrahim ein Engel und verlangte von ihm seinen Sohn Ismail zu töten. Ibrahim war sehr traurig über diese Prüfung, da er seinen Sohn liebte. Trotzdem gehorchte er und als er das Messer nahm, um seinen Sohn zu töten, sprach eine Stimme zu ihm: " Töte deinen Sohn nicht." Ibrahim hatte die Probe bestanden, auf die sein Gottvertrauen gestellt worden war. Gemeinsam mit seinem Sohne opferten sie einen Widder, dessen Fleisch sie mit Freunden und Bedürftigen teilten.
Zur Erinnerung an diese Geschichte schlachten Muslime, soweit sie dazu in der Lage sind, ein Tier, um der Rettung Ismails zu gedenken und teilen das Fleisch mit Bedürftigen. Nach dem Al Qur'an ist es Pflicht für alle Muslime innerhalb dieser vier Tage ein Tier zu opfern. Festgehalten ist dies in Sure 22, Vers 38: "Nimmermehr erreicht ihr Fleisch und Blut (der Opfertiere) Allah, jedoch erreicht ihn eure Frömmigkeit. Also hat er sie euch dienstbar gemacht, auf dass ihr Allah dafür preiset, dass er euch leitete, und verkündige Freude des Rechtschaffenen."
Dies als Hintergrundwissen um mein jetzt beginnendes, beschriebenes Erlebtes besser zu verstehen. Nach Rücksprache mit Mas Hidayat und seinem Vater, haben sie mir das Einverständnis gegeben, am Freitag mit in die Moschee zu gehen. Ich habe daraufhin zusammen mit ihnen das typische Gebet der Muslime geübt - Salat - in indonesisch sholat, samt Besonderheiten für den Feiertag. Außerdem habe ich von ihnen ein besonderes Hemd zu diesem feierlichen Anlass erhalten und habe selbstverständlich einen Sarung (Rock) getragen. Damit ich vollständig gekleidet bin, habe ich dann noch mit Mas Hidayat einen Hut gekauft/ peci/ kopiah. Dies ist die typische Kopfbedeckung für Männer, um in die Moschee zu gehen. So bin ich am Freitagmorgen um halb sechs aufgestanden, habe das obligatorische Bad gemacht und bin mit dem Vater von Mas Hidayat, Bapak H. Thoha Rosyid, zum Gebet gegangen. Dabei habe ich so ausgesehen, ach so, aus Neugierde und Hommage an meinen Vater, lasse ich mir momentan einen Oberlippenbart stehen,:



Da sich an diesem Morgen sehr viele Muslime versammeln, wurde das Gebet auf dem Platz vor der Moschee ausgeführt. Ich war definitiv nervös, war ich mir doch der Bedeutung dieses Tages bewusst und meiner Erscheinung als einziger mit weißer Haut. Dies sorgt hier einfach für Aufmerksamkeit. Ich durfte mich dann auch noch zu meiner Freude direkt in der ersten Reihe niederlassen, direkt vor dem Iman. Iman ist der Vorbeter beim Gebet und ein Ehrentitel für besonders fromme oder gelehrte Persönlichkeiten. Am Anfang saßen alle auf dem Boden und haben gemeinsam Verse aus dem Al Qur'an gesungen. Ich habe am ganzen Körper gezittert, war ich doch besonders aufgeregt und ergriffen von dieser bis dato unbekannten Stimmung. Als dann alle aufgestanden sind, um den Salat zu vollziehen, habe ich endlich aufgehört zu zittern und habe mit allen zusammen gebetet. Es war eine mächtige Erfahrung, die dann mittags beim Freitagsgebet fortgesetzt wurde. Am Freitagsgebet - salatu - 1 - dschumu'a (arabisch: Tag der feierlichen Versammlung), sollte jeder gesunde, erwachsene, männliche Muslim teilnehmen. Dort bin ich ebenfalls mit Bapak H. Thoha Rosyid hingegangen. Davor wieder das obligatorische Bad und die selbe Kleidung wie zuvor. Beim Betreten der Moschee haben wir zweimal zusammen gebetet und uns dann niedergelassen. Der Iman hält zwei Ansprachen - chutba, während er auf einer Plattform - minbar steht. Dann haben wir uns in Reihen hinter ihm aufgestellt und wieder gebetet. Während des Gebets wird sich mit nichts anderem beschäftigt. Im Gegensatz zum Morgengebet habe ich dieses Gebet noch mystischer empfunden und zugleich mit großem Respekt angetreten, war ich doch umreiht von Männern vorangeschrittenen Alters, die schon so viele Jahre glauben. Die Tatsache von gefühltem, starkem, in sich gefestigtem Glaube umgeben zu sein, hat mich wirklich ergriffen. Es fällt mir schwer dieses Gefühl in Worte zu fassen. Deswegen belasse ich es bei dieser Beschreibung. Sie muss ausreichen. Das war dann meine persönliche Erfahrung mit dem muslimischen Gebet und der Moschee.
Am Freitag haben außerdem schon einige Leute Fleisch ins Waisenhaus gebracht, welches von den Tieren stammte, die sie zuvor geopfert hatten. Ich durfte auch ein wenig mitnehmen, was zur Freude eines angkot- Fahrers (kleine, spartanische Büsschen) und der Freiwilligen beigetragen hat. Anschließend bin ich dann bis Samstag nach Pekalongan ins Freiwilligenhaus gefahren, um unsere Ausreise nach Kambodscha zur Visaverlängerung zu besprechen. Dort werde ich mit einem Teil der Freiwilligen Ende Dezember hinfliegen. Heute hat dann das Opfern im Waisenhaus stattgefunden. Insgesamt wurde heute vier Ziegen geopfert. Wie oben beschrieben, werden ja drei Tage nach Idul Adha noch Tiere geopfert. Ich bin diesem Schlachten mit gemischten Gefühlen entgegengetreten, weil als überzeugter Vegetarier mir das Zusehen nicht unbedingt Freude bereitet. Meine Gefühle beschränken sich ja nicht ausschließlich auf Menschen. Mehrer Männer haben die Ziegen nacheinander hingelegt und festgehalten und ihre Köpfe wurde per Menschenhand auf einem Baumstamm fixiert. Dann hat ein Mann ein großes Blatt abwärts des Halses der Ziegen gehalten und ihnen mit einem Messer die Kehle durchgeschnitten. Vorher wurde noch ein kurzes Gebet gesprochen. So wurde eine Ziege nach der anderen geopfert. Nach außen hat diese Prozedur zumindest kurz und schmerzlos gewirkt. Mir persönlich ist allerdings ein wenig schwindelig geworden, verursacht durch die Geräusche und den Anblick, die ich hier beide nicht näher beschreiben möchte.


Anschließend wurden die Ziegen zum Ausbluten, an einer speziell dafür errichteten Einrichtung aufgehangen und gehäutet. Danach wurden sie in üblicherweise verarbeitet. Das Fleisch wurde in Tüten abgepackt, die dann Menschen abgeholt haben, die vorher eine Art Coupon erhalten hatten. In diesem Sinne wurde das Fleisch wie vorgesehen an Bedürftige verteilt. Außerdem wurde direkt vor Ort Saté gemacht. Also Spieße mit frischem Ziegenfleisch. Schon den ganzen Tag über war mein vegetarisches Dasein Gesprächsthema und ich wurde immer wieder gefragt, ob ich nicht wenigstens mal probieren möchte.

 Die geopferten Ziegen werden gehäutet.


Die Kinder machen frisches Saté.



Als mir dann ein solches Saté vorgehalten wurde, wie auf dem Photo zubereitet, und ich erwartungsfreudig lächelnd angeschaut wurde, habe ich mich entschieden, keinen ganzen, aber ein Stück zu essen. Für wen das jetzt in einem Widerspruch zu dem Satz steht, dass ich ein überzeugter Vegetarier bin, möchte ich folgendes erklären. Aufgrund der sprachlichen Barriere kann ich meine Überzeugung nicht stichhaltig wiedergeben. Dadurch stößt meine Haltung vielleicht auf Unverständnis, weil sie nicht nachvollziehbar ist. In diesem Moment habe ich mein Vegetarierdasein als nicht so absolut angesehen und in diesem Sinne war das für mich situative Professionalität. Bei der Bedeutung dieses Festes und meinem Willen tief in die Kultur einzudringen, gab es für mich keine andere Wahl und ich bin mir sicher, dass ich so für mehr Verständnis gesorgt habe. Das war soweit meine persönliche Erfahrung mit Idul Adha. Sie war auf jeden Fall interessant, bereichernd und hat mich tiefer in Indonesien und den Islam einblicken lassen.
Darüber hinaus, habe ich mir vorgenommen, mich intensiver mit dem Islam auseinanderzusetzen. Er ist ein wesentlicher Bestandteil des Landes in dem ich elf Monate lebe und ich möchte diese Religion nicht weiter dilettantisch betrachten. Erst wenn ich mir ein für mich ausreichendes Wissen erarbeitet habe, will ich mir ein Urteil erlauben. Außerdem schreibe ich ein Theaterstück für eine Freiwillige, die ihren Freiwilligendienst an der Universität absolviert und dieses dabei einsetzen möchte. Mir ist aufgefallen wie unglaublich mir Rugby fehlt, aber ansonsten geht es mir sehr gut. Ich bin dankbar für jede Erfahrung die ich hier machen darf und freue mich gespannt auf die nächsten Monate. Ich bitte um Nachsicht sollten Begrifflichkeiten nicht korrekt verwendet sein oder Zusammenhänge bezüglich Idul Adha nicht richtig sein.


 Das Fleisch wird portioniert.


Das abgepacktet Fleisch, vor dem Schild des Waisenhauses mit Bapak H. Thoma Rosyid (vorne) und seinem Sohn, meinem Chef, Mas Hidayat.


Es schmeckt!!!

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Karanganyar - das Waisenhaus